Der besondere Bildungs- und Begegnungsort für Frauen:
Das Frauenbildungshaus Zülpich

 

Im Juni 2014 feierte das Frauenbildungshaus Zülpich 35-jährigen Geburtstag! Es blickt zurück auf eine lebendige Geschichte, die von vielen Frauen geprägt wurde und wird.

Ende der 1970er Jahre war`s. Die zweite deutsche Frauenbewegung blühte, Frauen stritten für ihre politischen Ziele und setzten sich für die Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen ein. Sie eroberten sich Räume, um eigene Perspektiven zu entwickeln, verschüttetes Wissen auszugraben und untereinander weiterzugeben, eine eigene Kultur zu entwerfen und zu leben.

In dieser Atmosphäre engagierte sich eine Studentinnengruppe der Fachhochschule Köln, ein Bildungs- und Kommunikationszentrum aufzubauen. Ein geeigneter Ort wurde im kleinen Dorf Zülpich-Lövenich in der Voreifel gefunden. Am 1. Juli 1979 öffnete das Frauenbildungshaus Zülpich erstmals das große grüne Hoftor für die Frauenwelt.

Ziel war es, einen Ort der Begegnung und der Bildung für Frauen zu schaffen. Einen Ort, der ausschließlich von Frauen gestaltet wird, an dem Frauen in angenehmer Atmosphäre ihre Erfahrungen als Frauen in der Gesellschaft gemeinsam reflektieren können und die Möglichkeit haben, Visionen, Ziele und neue Handlungsperspektiven zu entwickeln.

Auch die Renovierung des alten Eifelhofs nahmen die Frauen selbst in die Hand. Das Gelände und die Häuser wurden über die Jahre in mehreren Bauphasen mit Architektinnen und zahlreichen Handwerkerinnen und Bauhelferinnen nach ökologischen Kriterien ausgebaut.

Der zur Tagungsstätte umgebaute Bauernhof bildet den idealen Rahmen für die Fortbildungsarbeit mit erholsamer und lernförderlicher Atmosphäre in zwei Seminargebäuden, großem Innenhof und Garten, Sauna und Meditationsraum sowie köstlicher Versorgung.

Von Beginn an erfreut sich das Haus großer Beliebtheit; seit 1979 kommen Frauen aller Altersgruppen und aus ganz unterschiedlichen Lebenszusammenhängen nach Zülpich, so dass mittlerweile über 48.000 Frauen hier Bildung, Qualifizierung und Unterstützung erfahren haben, sich stärken und weiterentwickeln konnten.

Vielfalt war und ist die Stärke von „Zülpich“. Den inhaltlichen Schwerpunkt bilden fachliche und überfachliche Fortbildungen. Viele Seminare sind in NRW als Bildungsurlaub anerkannt und bieten das Handwerkszeug, um breit gefächerte berufliche Anforderungen zu bestehen. Neben den beruflichen und politischen Themen, haben Gesundheit, Kunst, Kreativität und Persönlichkeitsentwicklung einen festen Platz im Spektrum der Angebote.

Der Seminarbetrieb läuft das ganze Jahr im „Internatsbetrieb“, d.h. mit Übernachtung und Verpflegung. Pro Jahr werden ca. 150 Veranstaltungen inhaltlich geplant, organisiert und durchgeführt. Neben den Wochen- und Wochenendseminaren gibt es seit Mitte der Achtziger Jahre viele mehrteilige berufsbegleitende Fort- und Ausbildungen.

Das Tagungshaus bietet ein einzigartiges Ambiente für Fortbildungen, Fachtagungen, Arbeits- und Freizeitgruppen sowie für Feste. Die liebevoll gestalteten Räume werden von Frauengruppen gebucht für Supervisions-, Projekt- aber auch Freizeitgruppen sowie für Proben von FrauenLesbenChören und Kabarettgruppen.

Das Frauenbildungshaus kooperiert mit zwei Bildungswerken: dem Verein für politische Frauenbildung e. V. und Donna Futura – Frauenbildungswerk des Vereins Feministische Frauenbildung e. V. Diese beiden Bildungswerke führen ihre Seminare und Fortbildungen im Frauenbildungs- und Tagungshaus durch. Gemeinsam sind die drei Vereine eng vernetzt in der Frauen-Projekte-Landschaft und kooperieren lokal und überregional mit Organisationen aus Bildung und Politik.

 

Und für alle Frauen, die noch mehr zu unserem Hintergrund und unserer Geschichte lesen wollen. Der Eröffnungsvortrag zum Kongress: 20 Jahre Frauenbildungshaus Zülpich vom 22. – 24.10.1999 in Köln

 

Paradise is – really – here ?!
20 Jahre FrauenBildung: Erkenntnis – Arbeit – Begehren - Leidenschaft
20 Jahre Frauen-Bildungs-Arbeit im Frauenbildungshaus Zülpich und anderswo

 

 

AnnMarie Krewer, Sigrid Titze

 

ERÖFFNUNGSVORTRAG

1.        Unsere Motivation

Seit 20 Jahren lebt feministische Bildungsarbeit im Frauenbildungshaus Zülpich, ist 1.000fach von Frauen erfahren, erlebt und vor allem auch weiterentwickelt worden. Viele Frauen konnten wesentliche Impulse, Erkenntnisse und Leidenschaften gewinnen, die ihr weiteres Leben sehr nachhaltig beeinflusst, geprägt und verändert haben.

Diese Erfahrungen der vielen Teilnehmerinnen an Seminaren in Zülpich waren von Beginn an prägend für die Atmosphäre an diesem Ort - und es wurde von Beginn an viel gefeiert in Zülpich. Die Festkultur, die Frauen zur Würdigung des Ortes und der darin gemachten Erfahrungen entwickelt haben, ist sprichwörtlich. Erwähnen wollen wir das rauschende Geburtstags-Fest, das vor 10 Jahren gefeiert wurde, da wir uns mit unserem diesjährigen Motto auf dieses Fest beziehen. Das Motto vor 10 Jahren lautete:

PARADIES SUBVERSIV - PARADISE IS HERE !!

Simple Feststellung - so war es damals einfach: Zülpich - Paradies subversiv.

Jetzt sind wir noch einmal 10 Jahre weiter, haben wieder einen Geburtstag zu feiern - und wir wollen dieses Datum zum Anlaß nehmen, die Bildungsarbeit, die nunmehr seit 20 Jahren hier lebt, inhaltlich zu würdigen. Wir wollen all das auf breiter Basis und in einer größeren Öffentlichkeit sichtbar werden lassen, was in 20 Jahren an Kompetenz, Konzepten, Methoden, Theorien und Inhalten in der feministischen Bildung geschaffen worden ist.

Darüber hinaus wollen wir auch die Frage nach der Zukunft feministischer Bildung, nach der Notwendigkeit von Frauen - Frei - Räumen und Frauen - Lern - Räumen stellen. So haben wir das Motto abgewandelt:

PARADISE IS          - REALLY - HERE ?!

Liegt das Paradies wirklich noch / nur oder wie auch immer in den Frauen-Räumen:

  • angesichts relativ zurückgehender Teilnehmerinnen-Zahlen, u. a. auch deshalb zurückgehend, da mittlerweile jede traditionelle Weiterbildungseinrichtung ihre frauen-spezifischen Angebote hat;
  • angesichts immer schwierigerer finanzieller und gesetzlicher Rahmenbedingungen, in denen feministische Bildungsarbeit jonglieren muß;
  • angesichts eines gesellschaftlichen und frauenpolitischen Wandels im Sinne von Gender und Queer - innerhalb dessen vor allem jüngere Frauen / Lesben die Notwendigkeit von Frauen-Räumen nicht sehen;
  • angesichts eines gesellschaftlichen und frauenpolitischen Wandels, innerhalb dessen die Benennung von Frauen antiquiert erscheint und es modern ist, zum Begriff der Feministin auf Distanz zu gehen.

In der Wochenzeitung „Die Woche“ vom 01. Oktober 1999 wird die österreichische Feministin Edith Schlaffer zitiert mit der Feststellung, sie sei allein im letzten Jahr acht Mal eingeladen worden, zum Tod der Frauenbewegung zu referieren. Ihre Antwort: „Es ist nicht aus, solange es nicht aus ist.“

In diesem Sinne hoffen wir, dass mit diesem Kongress Inspirationen wachsen können, Geschaffenes angemessene Würdigung erfährt, Verbindungen bekräftigt werden und neu entstehen. Denn in der Lebendigkeit der feministischen Bildungsarbeit spiegelt sich die Lebendigkeit feministischen Denkens und Handelns allgemein wider, erfährt die gerne totgeredete Frauen-bewegung ihren sinnlich erfahrbaren Ausdruck.

 

2.         Zur Bedeutung von Frauenorten und Frauenräumen

 

"Frauen machen immer wieder die Erfahrung, die Julia Kristeva so klar auf den Punkt gebracht hat, wenn sie sagt: Fremde sind wir uns selbst. Es besteht zwischen dem Leiden der Fremden und dem Leiden der eigenen Fremdheit bei den Frauen eine strukturelle Verwandtschaft. Es ist die Erfahrung der Fremdheit in ihrer Doppelbedeutung: die fremde Frau und die Frau als Fremde. Die Frau erfährt die Fremdheit als Übernahme des männlichen Blicks, teils als Verlust der Verfügung über den eigenen Körper und sie erfährt sie als Krise ihrer Geschlechtsidentität. Die Fremdheit ist konstitutiv für das Geschlechtsverhältnis, d.h. dass die Kultur, weil männlich, der Frau - allen Frauen - fremd ist. Die Erfahrung, Fremde in der eigenen Kultur zu sein ist allen Frauen gemeinsam.“ (Farideh Akashe-Böhme: Von der Fremdheit der Frauen, in: Frausein - Fremdsein, Frankfurt a. M. 1991).

Um das Fremde zu verstehen und das Eigene entwickeln zu können braucht es Frauenorte / Frauenräume. Was macht nun diese Orte aus, welche Bedeutung haben sie?

Frauen brauchen ihre eigenen Orte, Räume, die sie selbst füllen und wo sie selbst bestimmen können, an denen es um sie und das wie - sie in dieser Welt sind - geht (das hat schon Virginia Woolf herausgearbeitet in ihrem Buch: Ein Zimmer für sich allein).

Frauen brauchen eigene Orte, die geprägt sind durch eine intensive Frauenbezogenheit, die Frei - Raum bieten für die Entfaltung von Wissen, Reflexion von Erfahrungen, Kraft, Lebendigkeit, Kreativität:

  • Orte der Befreiung und des Lernens, der Kommunikation, Begegnung, Auseinandersetzung und der Weiterentwicklung.
  • Raum, um ihre eigene Wirklichkeit zu entwickeln und wirklich leben zu können.
  • Orte, wo sie verstanden werden und nicht viel erklären müssen, wo sie Unterstützung erhalten bei Veränderungsprozessen, bei Lebenskrisen, wo sie sich begegnen, miteinander leben und sich streiten können.
  • Orte, wo sie ein Stück Sicherheit spüren, aufgehoben sind, sich geborgen fühlen können.
  • Orte und Räume, die ihnen Kraft und neue Energien geben.
  • Orte, wo Wertschätzung untereinander da ist, wo sie die Freiheit haben, eigene Wege auszuprobieren, sich erleben dürfen, ihre Lebendigkeit spüren können, aber auch ihre Wut und ihre Trauer.
  • Orte, wo Leidenschaft und Begehren, wo Erotik spürbar ist.

 

2.1      Zur Bedeutung des Frauenortes ZÜLPICH

Im Sommer 1979 wurde ein Traum wahr, die Verwirklichung dessen, was uns wichtig war und immer noch ist: Das Frauenbildungs- und Ferienhaus Zülpich wurde eröffnet. Ein Ort aus-schließlich für Frauen, ein Ort des Lernens und der Erholung, der Liebe, für Inspiration, Denkanstösse und für Auseinandersetzungen: Arbeitsplätze wurden geschaffen, eine neue Frauen Lern- und Begegnungs-Kultur entstand.

Wir sind mit viel Frauenpower aufgebrochen, haben gemeinsam und in der Unterschiedlichkeit viel ausprobiert, erfahren, gelernt, haben uns aneinander gerieben und gestritten, sind neue Schritte gegangen, haben Wege ausprobiert, sind zu neuen Erkenntnissen gelangt und das mit viel Lust und Leidenschaft in dem Begehren, mehr öffentlichen Raum für uns Frauen zu schaffen.

Seitdem sind 20 Jahre vergangen, in denen über 600 Frauen als Referentinnen in Zülpich gearbeitet haben und arbeiten; über 40.000 Frauen sind an diesen Ort gekommen, haben viel gelernt und sich weiterqualifiziert sowie neue Kraft für ihren weiteren Weg geschöpft.

Zitate Sommer-Sonnen-Wende 1997 Zülpich ist für mich:

"Erkenntnis und Befreiung, Kraft, eine Tankstelle, heilsam und herzlich, eine Geliebte in meiner Dreiecks-Beziehung, Kraftort von und für Frauen, Frauenoase, wo ich mich suchen und Stück für Stück finden kann, ein zu Hause, ein Ort, von dem ich aufgebrochen bin, Quelle, Rückhalt und Inspiration"

Viele Frauenräume und Frauenbildungshäuser sind in dieser Zeit entstanden. Mitarbeiterinnen anderer Frauenbildungshäuser sind an diesem Wochenende hier, Frauen aus anderen Projekten und Vereinen ebenso wie Frauen aus Institutionen, Einrichtungen, Verbänden.

Viele Veränderungsprozesse gab es in diesen 20 Jahren und so wird es jetzt einen Blick zurück geben und nach vorn.

 

3. Blick zurück nach Vorn

 

Vom politischen Wir zum Ich zur Verbindung Ich / Wir

 

Nur die, die ihre Geschichte kennt, besitzt die Gegenwart und kann mit diesem Wissen die Zukunft gestalten.

Da die Frauenbildungshäuser, Frauenprojekte und Frauenorte aus der sogen. 2. Frauenbewegung entstanden sind, ein kurzer historischer Rückblick:

Feministische Frauengruppen gab es seit Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre. In der Entstehungsphase war der Kampf gegen den § 218 zentrales Thema, in dieser Zeit fanden sich Frauen und Frauengruppen unterschiedlichster Herkunft zusammen und das Bewusstsein einer Gemeinsamkeit und von der Existenz einer neuen Frauenbewegung bildete sich heraus. "Wer sich nicht wehrt, bleibt für immer am Herd" und "Gemeinsam sind wird stark" - waren zentrale Motti der damaligen Zeit.

In der Phase ab 1975 traten spontane Aktionen in den Hintergrund, die Frauengruppen erlebten in dieser Zeit einen großen Zustrom neuer Frauen. Die Organisationsstruktur veränderte sich und überall entstanden Theorie-, Gesprächs-, und Selbsterfahrungsgruppen. Frauen entdeckten, dass es ihnen leichter fiel, über sich selbst zu sprechen, wenn sie das ohne Männer tun konnten und sie fanden heraus, dass es darüber hinaus Spaß macht, unter Frauen zu sein. Frauen entdeckten sich und sie entdeckten andere Frauen, der Mann war nicht mehr Mittelpunkt des Geschehens, sondern ihre Körper, ihre Sexualität allein und zu zweit. Sie veranstalteten gemeinsame Frauenfeste und machten gemeinsam Ferien, sie lasen und diskutierten Bücher sachkundiger Autorinnen aus verschiedenen Ländern, die die Welt neu interpretierten.

In der Phase ab 1977 entwickelten sich aus den Selbsterfahrungs- und Gesprächsgruppen heraus viele autonome, feministische Projekte, die den Kern der Frauenbewegung ausmachen. Die Entwicklung in den verschiedenen Städten erfolgte mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Diese Frauenprojekte im bildungs-, sozialpolitischen, gesundheits-, im wissenschaftlichen und im kulturellen Bereich bildeten den Ansatz zu einer feministischen Gegenkultur.

Es wurden Zusammenhänge analysiert, es wurde hinterfragt, neu gedacht, Erkenntnisse ausgetauscht und heiß diskutiert, eigene Standpunkte erarbeitet und weiterentwickelt. Feminismus wurde verstanden als Ausdruck eines politischen Frauenbewußtseins bzw. Selbstverständnisses, was auf die Befreiung aller Frauen hinzielt, als bedingungsloses Eintreten für die Belange, Interessen und Rechte von Frauen, das Private wurde Politisch.

Das allen gemeinsame Unterdrückungsgefühl wurde in politische Forderungen umgemünzt. Der Kampf der Frauenbewegung kann nicht auf einige Forderungen in einigen Bereichen reduziert werden. Die Ungleichheit der Macht von Männern und Frauen findet sich in allen Arbeitsfeldern und Lebensbereichen. Also müssen - so die Frauen damals - auf allen Gebieten Veränderungen erstrebt werden, ohne die wechselseitigen Zusammenhänge aus den Augen zu verlieren.

Betont wurde

  • die Notwendigkeit eigener, autonomer und selbstverwalteter Organisationsstrukturen, die nicht in institutionelle Zusammenhänge eingebunden sind, und in denen sich Frauen ausschließlich auf Frauen beziehen,
  • die Unabhängigkeit aller Frauen,
  • die Tabuisierung von Macht,
  • eine horizontale Strukturierung,
  • die Wichtigkeit von Prozessen und
  • die Bedeutung von Gefühlen.

Aus dieser Zielsetzungen resultierten veränderte Ansprüche an die Organisation und Kooperation in den Projekten und an die Zusammenarbeit von Frauen, es ging um die Schaffung bezahlter, selbstbestimmter Arbeitsplätze, ohne Gewalt und sexuelle Übergriffe.

Die Prinzipien der Frauen-Projekte-Bewegung als einer politischen und sozialen Bewegung waren (vgl. Maria Mies: Methodische Postulate zur Frauenforschung dargestellt am Beispiel der Gewalt gegen Frauen, in: beiträge zur feministischen theorie und praxis, Heft 1/1978)

*  Subjektivität  *  Betroffenheit

*  Parteilichkeit  *  Hierarchiefreiheit

*  Autonomie.

Diese Zeit der Entstehung und Eröffnung vielfältiger Projekte war eine Zeit des Suchens und Planens, des Ausbaues und Ausprobierens. Es war die Zeit des selbstbewußten WIR, der Gemeinsamkeit der Erfahrungen, ausgedrückt in dem Bewusstsein: wenn Frauen sich auf Frauen beziehen und zusammenschließen, können sie die Welt verändern.

Anfang der 80er Jahre begannen feministische Forderungen und Kritik über den "engeren" Bewegungskreis hinaus auch in den Frauenkreisen von Gewerkschaften, Parteien und Institutionen sich auszubreiten. Es gab erste bescheidene Erfolge des Eindringens in und der Zurkenntnisnahme von "offiziellen" wissenschaftlichen Institutionen. Die wahrnehmbaren Veränderungen in den Ausdrucksformen zeigen an, dass das Terrain breiter geworden ist, die Wege ebenso zahlreicher, wie auch die Vielfalt der Ziele.

Überwiegend stellte sich jedoch von außen massive politische und ideologische Abwehr entgegen. Im Rückenwind von politischem Machtwechsel (ab 1982 CDU-Regierung) und ökonomischen Krisen hatten sich die Gegner der Frauen-Projekte-Bewegung intellektuell formiert und versuchten die Rückbesetzung des Terrains durch die Mobilisierung von Argumenten und politischer Macht, um die Frauen wieder an "ihren eigentlichen Platz" in der Familie zurückzuschicken, um das Gehen eigener Wege, das Sammeln eigener Erkenntnisse und das Erreichen eigener Ziele zu verhindern.

Aber auch bei den Frauen lassen sich in den 80er Jahren gegenläufige Strebungen vermehrt feststellen. Ein Phänomen, das mit der zunehmenden Ausbreitung der Bewegung und der damit wachsenden Differenzierung von Interessen und Perspektiven zu erklären ist, aber auch mit dem Gewahrwerden von Unterschieden zwischen den Frauen, die zunächst v. a. gleich waren, da sie sich von selbem Ausgangspunkt entfernten.

Die Unterschiede und Ungleichheiten unter Frauen wurden deutlich. Es bildeten sich unterschiedliche Positionen und Einschätzungen heraus, was feministische und frauenpolitische Arbeit sein kann und wo sie stattfinden soll. Dieses zog Kontroversen, Differenzen, Mei-nungsverschiedenheiten bezogen auf Ziele, politische Strategien, Inhalte etc. mit sich. Es wurde deutlich, dass Frauen nicht, nur weil sie Frauen sind, untereinander gleich sind, sondern dass es eine Vielzahl von Ungleichheiten gibt bezogen auf Herkunft, Klasse, Ethnie wie auf unterschiedliche soziale Positionen, Prestige, informelle Hierarchien etc.

Diese Differenzen wurden oft kaum als Ausgangspunkt für produktive Auseinandersetzungen oder als Chance von Einflußmöglichkeiten gesehen, sondern waren meist Quelle von wechselseitigen Entwertungen und Abgrenzungskämpfen untereinander, von Neid und Konkurrenz.

Die Bilanz der Errungenschaften der 2. Frauenbewegung ist zweischneidig. In wesentlichen Bereichen ist es der Frauenbewegung und dem Feminismus bisher nicht gelungen, die strukturellen und rechtlichen Diskriminierungen von Frauen abzuschaffen. Der Rollback hat bereits vieles, was die Frauenbewegung erkämpft hat, wieder zurückgenommen. Insbesondere in Anbetracht knapper Staatsfinanzen, ökonomischer Krisen und militärischer Auseinandersetzung (siehe Kosovo) ist die Frauenfrage angeblich nicht opportun und von geringer politischer Bedeutung.

Andererseits haben Frauen wichtige Ziele erreicht:

Sie haben mit einem neuen Selbstverständnis über ihr Frau-Sein und über ihren Körper, über andere alternative Lebens- und Liebesformen viele alte Leitbilder und Vorurteile aufbrechen können und dadurch neue Handlungsmöglichkeiten für sich gewonnen.

Sie haben erkannt, dass sie, wenn sie etwas verändern wollen eigene Macht, Eigen-Macht brauchen, um etwas zu bewirken und zu bewegen.

Sie haben in einem zuvor nicht gekannten Ausmaß Zugang zu Wissen, Bildung und Ausbildung erlangt und sie sind dabei, dieses Wissen kritisch und konstruktiv zu nutzen.

Frauenorte haben nach wie vor eine große Bedeutung. Solange es gesellschaftliche Ungleichheiten gibt und Strukturen, die der Veränderung bedürfen, brauchen wir Frauenräume. Die Zusammenarbeit von Frauen hat sich real nicht erübrigt, sie ist wichtig sowohl im persönlichen Bereich als auch in Arbeits- und politischen Bezügen. Um die entstandene Kultur der Zusammenarbeit weiterzuentwickeln und Frauenorte zu erhalten ist es erforderlich, die bereits vorhandenen Bündnisse und Vernetzungen weiter auszubauen.

"Wenn Frauen in patriarchalen Gesellschaften kooperieren, kann das entschieden mehr sein als eine Notwendigkeit oder bloß freundlicher Umgang: Ausdruck ihrer Selbstachtung, gegenseitigen Wertschätzung und Verbundenheit; ihres Willens, Eigenheit zu leben, eine Frauenkultur zu entwickeln, in der sie sich positiv spiegeln, wiedererkennen und auseinandersetzen können; auch ihres Bemühens, sich über Spaltungen und Trennungen hinweg zu verbünden und damit sich und ihren Vorstellungen Gewicht zu verleihen, und schließlich ihrer Freude mit- und aneinander. Bewusste Kooperation ist auch ein Schritt gegen gesellschaftliche Entwicklungen, die Frauen - nicht alle, aber sehr viele und in unterschiedlicher Weise - ins Abseits drängen und einander entfremden!" (Claudia Koppert: Glück, Alltag und Desaster. Über die Zusammenarbeit von Frauen, Berlin 1992.)

 

4.  Frauen - Lern- und Begegnungskultur als Basis feministischer Bildungsarbeit

Nach diesem Blick in die Geschichte und das Außen, wollen wir nun wieder dem Blick auf das Innere der feministischen Bildungsarbeit lenken und einige wesentliche Aspekte benennen, die diese ausmachen. Grundlegend geprägt wird feministische Bildungsarbeit von einer frauenspezifischen „Lern- und Begegnungskultur“, die die Referentinnen, Teilnehmerinnen und Organisatorinnen miteinander entwickelt haben.

Was ist darunter zu verstehen?

Diese Kultur wird davon geprägt, dass Frauen sich in die Tradition ihrer weiblichen Genealogie stellen. Wissen wird von Frauen an Frauen weitergegeben, das alte Wissen von Frauen wieder erforscht und zugänglich gemacht und in die eigenen Erkenntniswege einbezogen.

Insofern wird den Ahninnen Würdigung und Wertschätzung für ihr Wissen und ihre Leistungen entgegengebracht.

Es ist eine Kultur, die geprägt ist von Achtung und Wertschätzung - jede für sich selbst und füreinander. Vor allem die Wertschätzung, die jede Frau für ihr „So-Sein“ erfährt, ist für viele Teilnehmerinnen der feministischen Bildungsarbeit eine völlig neue Erfahrung. Sie konnte sich als grundlegendes Element der feministischen Begegnungskultur nur in Frauenräumen herausbilden und entwickeln. Hier ist die Erfahrung und der Lebenshintergrund jeder einzelnen wichtig und steht gleichwertig - unbewertet - neben jeder anderen. Frauen lernen häufig zum ersten Mal, sich selbst, das eigene Fühlen, Denken und Handeln mit Achtsamkeit zu betrachten, ihm einen Wert zu verleihen anstatt im Vergleich mit anderen sich nur negativ abwertend zu verurteilen. Achtsamkeit im Umgang mit sich selbst, mit der anderen, mit der Welt ist eine Haltung, mit der dann auch Vertrauen zu sich und in den Beziehungen wachsen kann.

Das heißt nicht, dass alle nur nett miteinander sind und Konflikte keinen Raum hätten bzw. nicht sein dürften. Nein, ein Umgang in Achtung und Wertschätzung heißt auch Achtung vor der anderen Meinung, der anderen Haltung. Achtung vor der Verschiedenheit - die auszuhalten ja häufig nicht leicht ist. So hat sich in Frauenzusammenhängen eine konstruktive Streitkultur entwickelt - meist mit Hilfe von Supervisorinnen -, in der es nicht um Schuld und Moral geht, sondern um Konflikte, die aus der Verschiedenheit resultieren, die insofern als berechtigt und zum menschlichen Miteinander zugehörig seiend gewertet werden. Es wird versucht, Lösungen zu finden, die nicht auf Kosten einer einzelnen oder einer Gruppe gehen, sondern im Sinne der Klärung auf einer höheren Ebene angesiedelt sind. Dies muß sicherlich auch immer wieder von neuem geübt werden.

Frauenspezifische Lern- und Begegnungskultur heißt weiterhin, dass Frauen in ihren Potentialen wahrgenommen - und nicht als Mängelwesen begriffen werden.

Frauenspezifische Lern- und Begegnungskultur heißt, dass das gemeinsame Lernen geprägt ist von der Lust am Entdecken - und zwar die Lust, sich selbst zu entdecken, die andere und die Welt.

Frauenspezifische Lern- und Begegnungskultur heißt, weg vom persönlichen Alltag einen neuen Blick auf sich selbst und das eigene Verhältnis zu anderen und zur Welt zu ermöglichen. Gerade an Frauenorten sind Frauen in besonderer Weise einander Spiegel - spiegeln sich selbst in der anderen oder werden in der anderen gespiegelt. Diese häufig neuen Erfahrungen bringen oft die wesentlichen Impulse, Veränderungsprozesse zu initiieren. Die Leistung jeder einzelnen besteht darin, diese dann wieder in den eigenen Alltag zu integrieren. Wie Sylvia Kolk es einmal ausgedrückt hat: „feministische Lernkultur ist kein Ort, den Frau verläßt, um zu wiederholen, was immer schon war“.

Zur frauenspezifischen Lern- und Begegnungskultur gehört auch, dass sie geprägt ist von Vielfältigkeit. Wir bringen unsere jeweiligen persönlichen und gesellschaftlichen Geschichten mit, die uns geprägt haben. So treffen an Frauenorten Unterschiedlichkeiten aufeinander, unsere Verschiedenheit wird erfahrbar. Frauenspezifische Begegnungskultur macht es aus, diese Unterschiedlichkeit als Potential gemeinsamen Wachsens zu begreifen.

Dies wird möglich, wenn die gemeinsame Basis für einen gemeinsamen Lern- und Wachstumsprozess klar ist. Hierin liegt gleichzeitig die u. E. größte Herausforderung an eine frauenspezifische Lern- und Begegnungskultur: nämlich sich darüber auseinander zu setzen, ob die gemeinsame Erfahrung des Patriarchats - um es marxistisch auszudrücken - als Hauptwiderspruch angesehen wird. Was Thürmer-Rohr mit der Mittäterschafts-Diskussion sowie schwarze Frauen / Lesben mit der Rassismus-Diskussion innerhalb der FrauenLesbenBewegung initiiert haben, bedeutet einen immer wieder notwendigen und niemals endgültig abzuschliessenden Verständigungs- und Auseinandersetzungsprozess um die unterschiedlichen und gemeinsamen Erfahrungen von Frauen im Patriarchat. In diesem sehr konfliktträchtigen Auseinandersetzungsprozess über die unterschiedlichen Diskriminierungserfahrungen von Frauen im Patriarchat bietet feministische Bildungsarbeit mit ihrer spezifischen Lern- und Begegnungskultur die Möglichkeit, aus Dogmen oder verschiedenen „ismen“ herauszutreten und über die einzelnen persönlichen Erfahrungen zu einem Verstehen und damit zu Verständigung und Solidarität zu gelangen.

 

5. Wesentliche Elemente Feministischer Bildungsarbeit

Vor 20 Jahren extistierten kaum Konzepte und keinerlei Erfahrungen mit der Planung, Organisation und Durchführung feministischer Bildungsarbeit. Alles, was es gab, war Mut, Ent-schlossenheit und Aufbruchsenergie, eigene Frauen-Lern-Räume zu kreieren und zu gestalten. Es gab Visionen und politische Ansprüche, die aus der feministischen Gesellschaftkritik resultierten und sich z. B. in den schon zitierten Postulaten von Maria Mies niederschlugen (s. Abschnitt 3). Die Entwicklung, die sich in den 20 Jahren vollzogen hat, ist als Professionalisierungsprozess zu bezeichnen; es hat sich Professionalität herausgebildet - und zwar auf der Ebene des Projektmanagements wie auf der Ebene der Referentinnen.

Professionalisierung auf der Ebene des Projektmanagements

Hier ist viel experimentiert worden - von der Rotation (alle machen alles und alle können alles) über die Spezialisierung (Herausbildung von Arbeitsbereichen) bis zur Professionalisierung (Einstellen von Fachkräften).

Feministische Projekte müssen betriebswirtschaftlich planen und handeln; die Kunst dabei ist, feministische Werte und Maximen in die Organisation zu integrieren - so dass sich im Zuge der Professionalisierung feministisches Projektmanagement herausgebildet hat, in dem Schlagworte wie Innovation, Flexibilität, Effektivität, Effizienz, Corporate Identity und Qualitätsmanagement zum Standard geworden sind.

All das, was modernes Marketing entdeckt hat, ist für feministische Projekte von Anfang an Not-Wendende Über-Lebensstrategie gewesen.

Professionalisierung auf der Ebene der Referentinnen

In Frauenbildungshäusern hat sich die Profession der Frauenbildungsreferentin herausgebildet. Die Referentinnen haben sich inhaltlich (alle Lern-Themen vor dem Hintergrund, dass die Lernenden Frauen in der patriarchalen Gesellschaft sind) und methodisch (alle Methoden, die Körper - Geist und Seele, Spiritualität bzw. Intuition und Verstand integrieren) weitergebildet bzw. eigene Konzepte entwickelt. So umfaßt die thematische Bandbreite ja den Reit- und Kajakkurs ebenso wie spirituelle und therapeutisch orientierte Angebote wie Rhetorik und Selbstverteidigung und hat einen Schwerpunkt in der Beschäftigung mit unseren Körpern und ganz unterschiedlichen Heilungsweisen und -ansätzen.

Heute nehmen auch spezielle Angebote zur beruflichen Weiterbildung einen breiten Raum ein, wo zu Beginn feministischer Bildungsarbeit eher die Selbsterfahrung im Vordergrund stand. Und vor allem haben die Referentinnen eigene Konzepte feministischer Aus- und Fortbildungen entwickelt - wie z. B. die Ausbildung zur WenDo-Trainerin, die schon zu Beginn der 80er Jahre konzipiert wurde, wie die Ausbildung zur Heilpraktikerin, wie die Ausbildung zur feministischen Bildungsreferentin. Ein Blick in alte Programme ist lohnend - spiegelt sich doch hierin dieser Professionalisierungsprozess auf sehr anschauliche Weise. So erscheinen Programme der feministischen Bildungsarbeit heute sehr differenziert und vielfältig, was nicht zuletzt in den einzelnen Beiträgen zu diesem Kongress deutlich wird, die hier dokumentiert werden.

Vier zentrale Elemente, die über alle Differenziertheit hinweg gelten, sollen benannt werden, da sie auch im Untertitel des Kongress-Mottos stehen:

 

Erkenntnis:

Es geht feministischer Bildungsarbeit immer um Erkenntnis - und auch darum, verschiedene Erkenntniswege zu beschreiten - über Körpererfahrung, über Meditation, über Austausch und Diskussion, über Theorie- und Textarbeit und über sinnliche Erfahrungen. Erkenntnis resultiert aus der Reflektion und Analyse dieser Erfahrung, dem In-Beziehung-Setzen zum Thema bzw. zu anderen Erfahrungen in geleiteten Prozessen und ggfls. ergänzt durch die Aneignung verschiedener Theorien zum Thema. Erkenntnis geschieht, sie kann nicht bewusst auf Knopfdruck hergestellt werden. Sie passiert in einer erkenntnisfördernden Atmosphäre, die geprägt ist von Vertrauen, Achtsamkeit, Wertschätzung und Inspiration. Gewonnene Erkenntnis kann als Essenz formuliert, d.h. auf einen Punkt gebracht werden, um sie in den Lebensalltag integrieren zu können.

 

Arbeit:

Solcherart gestaltete Lernprozesse, die intensiv am persönlichen, individuellen orientiert sind, bedeuten auch immer Arbeit - und zwar in zweierlei Hinsicht: Das Lernen an sich wird als Arbeit wahrgenommen und damit vor allem der zunehmenden Vertiefung Rechnung getragen und die Arbeitsbeziehungen und Prozesse von Frauen werden zum Thema in gesellschaftspolitischer Hinsicht.

 

Weibliches Begehren:

Getreu der Autorinnen des Mailänder Frauenbuchladens, die mit ihrer Affidamento-Theorie und -Praxis schon in den 80igern für Furore sorgten - und heute immer noch in der Diskussion sind (vgl. den Beitrag von Traudel Sattler in diesem Band), werden Lernprozesse und Beziehungen von Frauen gespeist aus der Energie des Begehrens: weibliches Begehren als Erkenntnis-Motiv - das Wissen-Wollen, Entdecken-Wollen, Erkennen-Wollen jeder einzelnen; jede wird ermutigt, ihre eigenen Fragen zu finden und zu stellen - ihr eigenes Begehren, ihr Wissen-Wollen zu befreien. So entsteht eine Spannung im Erkenntisprozess, Momente der Erkenntnis werden zu erotischen Augenblicken.

 

Leidenschaft:

und immer geht es darum, den eigenen Erkenntnisweg mit Leidenschaft zu beschreiten. Mit Hingabe an das, was jetzt ist, mit Lebendigkeit, Leichtigkeit, oder Trauer, mit Energie, Kraft oder dem Mut der Verzweiflung. Mit einer Ahnung, einer Vision, einer Utopie, mit Leidenschaft das Jetzt bestreiten.

 

6. Ziel feministischer Bildungsarbeit

Ziel feministischer Bildungsarbeit ist es, zur Freiheit aller Frauen beizutragen und zwar in zweierlei Hinsicht:

Zunächst einmal individuelle Freiheit, die darin besteht, eigene Bewusstseinsgrenzen zu sprengen, Dualismen im eigenen Denken zu erkennen und überwinden zu können - um z. B. aufhören zu können, sich permanent selbst abwertend mit anderen zu vergleichen und sich so selbst aus nicht mehr gewollten Lebensumständen befreien zu können.

Und Freiheit bedeutet gesellschaftliche Freiheit / die Freiheit aller Frauen als politisches Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Gemeinsam dafür zu sorgen, dass keine Frau mehr in unterdrückenden Verhältnissen leben muss. Feministische Bildungsarbeit ist in unserem Sinne nur dann feministisch, wenn sie die gesellschaftlichen Lebensverhältnisse aller Frauen im Blick behält.

 

7.         Denken, Handeln, Verändern - Politische Praxis

Die Frauen um den Mailänder Frauenbuchladen haben darauf hingewiesen, wie wichtig es für Frauen ist, dass sie sich in ihrem Denken und Handeln auf andere Frauen beziehen und sich so gegenseitig Wert und Autorität zu billigen.

Mit der Politik des Begehrens soll jede Frau ermutigt werden, ihre eigenen Fragen zu finden, ihre Neugier, ihr Wissen- und Erkennen-Wollen zu entdecken und zu entfalten. Lernen wird zu einem erotischen Prozess, Momente der Erkenntnis zu erotischen Augenblicken.

In ihrem Buch: Das Patriarchat ist zu Ende. Es ist passiert - nicht aus Zufall (Rüsselsheim 1996) schreiben die Mailänderinnen:

"Die Politik des Begehrens liefert einen Beitrag zur Reflexion über Politik, über Macht und eine Interpretation der sich wandelnden Realität, die viele Fragen, aber eine Gewissheit enthält. Immer mehr ist die Politik die Politik der Frauen. Das heißt, dass Praxisformen, die in einem Teil der Frauenbewegung (in Italien, aber auch anderswo) ausgehend von der Selbsterfahrung entstanden sind, sich als geeignet erweisen, um die "Krise dieser Jahrhundertwende, dieser Jahrtausendwende" anzugehen.

Die Praxis der Selbsterfahrung lehrt, dass es nicht an erster Stelle darum geht, die äußere Realität, sondern vielmehr sich selbst und das eigene Verhältnis zur Realität zu verändern - was dann natürlich einschneidende Konsequenzen für die Realität nach sich zieht.

Hebel der Politik ist das Begehren der einzelnen, das Begehren, das seinen Weg nach außen sucht und sich dabei treu bleibt.

Die Erfahrung zeigt, den durch die Politik der Beziehungen unter Frauen erzielten Gewinn, die gewonnene Freiheit. So wird der Blick frei auf die Möglichkeiten, das Begehren immer wieder neu einzusetzen, um die Welt zu verändern - eine Aufforderung zum Risiko, zum Experimentieren in erster Person."

Frauenorte sind politische Orte: an Frauenorten findet die Politik des Begehrens ihren Ausdruck, Frauenorte sind Plätze, an denen Erkenntniserotik lebt, an Frauenorten können Frauen neue Kraft und Energie schöpfen.

Die Verhältnisse zu verändern geht über die Veränderung unseres Selbst; jede Einzelne und wir zusammen sollten die nächsten Schritte tun.

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Autorinnen:

 

Sigrid Titze, Frauenbildungswerk des Vereins für politische Frauenbildung, Zülpich-Geich

AnnMarie Krewer, Frauenbildungshaus Zülpich

 

 

Literatur:

 

Farideh Akashe-Böhme, Frausein - Fremdsein,

Frankfurt a. M. 1993

 

Claudia Koppert (Hg.), Glück, Alltag und Desaster. Über die Zusammenarbeit von Frauen,

Berlin 1993

 

Libreria delle donne di Milano, Wie weibliche Freiheit entsteht. Eine neue politische Praxis.

2. Aufl., Berlin 1989

 

Libreria delle donne die Milano, Das Patriarchat ist zu Ende. Es ist passiert - nicht aus Zufall,

Rüsselsheim 1996

 

Maria Mies, Methodische Postulate zur Frauenforschung - dargestellt am Beispiel der

Gewalt gegen Frauen, in: beiträge zur feministischen theorie und praxis, Heft 1/1978

 

Dagmar Schultz (Hg.), Macht und Sinnlichkeit.

Ausgewählte Texte von Audre Lorde und Adrienne Rich,

Berlin 1983

 

Christina Thürmer-Rohr, Aus der Täuschung in die Ent-Täuschung.

Zur Mittäterschaftsthese von Frauen. In: Vagabundinnen.

Feministische Essays, 6. Aufl., Berlin 1992, S. 38ff

 

Virginia Woolf, Ein Zimmer für sich allein,

Frankfurt a. M. 1981